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Sonntage im Jahreskreis

17.6.2007 - 11. Sonntag C

WANN, WOZU UND WIEVIEL VERGEBEN?
Lk 7,36-50

Die Folge der Schuld ist in allen Fällen ein Ansehensverlust. Alle im Hause Simons, des Pharisäers, sind vom Auftreten der stadtbekannten Sünderin unangenehm berührt. Der Umgang mit dieser Frau kann nur entehren. Diese Frau ist bei allen unten durch – ihr Leben ist einfach ein Skandal!

Für uns heute ist eine Prostituierte nicht mehr unbedingt eine inakzeptable Person, solange sie nicht unsere Schwiegertochter werden will. Abscheu schlägt in ein gewisses Mitleid um, wenn wir bedenken, wie viele Frauen aus Osteuropa, aus Afrika, aus Südamerika zur Prostitution in Deutschland vermarktet werden. Da sind doch viel eher die Banden an den Pranger zu stellen, die diese Frauen hierher gelockt haben und ausbeuten. Und schon ist das Gebot zu vergeben, nicht mehr so eindeutig.  Muss man auch diesen Menschenhändlern  verzeihen? Hätte Jesus ihnen verziehen?

Aber ja! Auch dem schlimmsten Verbrecher, auch dem RAF-Terroristen wird verziehen, wenn er – und das ist die unerlässliche Voraussetzung der Vergebung – bereut, biblisch gesprochen: umkehrt. Wie soll man vergeben, was nicht eingesehen wird? Nur wem das Gewissen schlägt, ist mit Vergebung gedient.

Wenn die Frau damals sich nicht von ihrem Vorleben hätte distanzieren wollen, wäre sie nicht zu Jesus gekommen. Wenn sie hätte fürchten müssen, dass er sich von ihr distanzieren würde, aber auch nicht! Sein Ruf zog sie an, der Ruf, in dem er stand, Menschen wie ihr zu vergeben.

Ob sich die Frau mit ihrer Sehnsucht nach einem guten Wort statt an Jesus nicht auch an den Gastgeber, den Pharisäer Simon, hätte wenden können? So wie die Geschichte erzählt wird, hätte sie sich an Simon ganz bestimmt nicht gewandt. Von Simon hätte sie kein gutes Wort zu erwarten gehabt, nicht weil Simon kein gottesfürchtiger Mann gewesen war, sondern gerade, weil er seiner Frömmigkeit schuldig zu sein glaubte, Frauen wie dieser da seine Verachtung spüren zu lassen.

In der Haut dieses Pharisäers stecken wir auch; wir sollten nicht abstreiten, von Jesus noch viel dazulernen zu müssen. Um Menschen, denen man etwas nachsagen kann, machen wir fast instinktiv einen Bogen, so sehr unser Verständnis für sie mit den Jahren zugenommen hat. Wir möchten uns nicht mit ihnen sehen lassen, weil uns das falsch ausgelegt werden könnte. Heißt es nicht „Gleich und gleich gesellt sich gern“ und „Sage mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist“? Also halten wir besser Abstand von verdorbenen Menschen.

Jesus handelt, wie Gott es sich leisten kann zu handeln. Er lässt verkommene Menschen wohlweislich nicht links liegen. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“, hat er einmal erklärt (Lk 5,31).  Um jemand dahin zu bringen, dass er einsieht, Vergebung zu brauchen, darf man nicht den Strafrichter spielen. Jesus versteht sich als Therapeut, und deswegen traut sich, wer Schuld auf sich geladen hat, zu ihm.

Er ist solidarisch mit den Sündern, kann man immer wieder hören und lesen. Aber das Wort „solidarisch“ trifft hier die Sache nicht ganz. Gute Theologie differenziert: Gott hasst die Sünde, aber nicht den Sünder. Es gibt nicht den Hauch einer Beschwichtigung à la „Ich mach’ mir nichts aus deinen Schandtaten, ich nehm’s nicht weiter tragisch und lasse eben Fünfe grade sein“. Das wäre ein Irrtum. Gott will nicht verharmlosen, sondern vergeben! Er will den Sünder umdrehen. Er will, wie es schon im Alten Testament heißt, „nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehrt und lebt“ (Ez 33,11).

So ist Jesus der Arm, mit dem Gott den Sünder wegstoßen könnte, aber nicht wegstößt, sondern an sich zieht. Es geht Gott darum, den Menschen für das Gute zu gewinnen, und jeder Mensch, den er zu diesem Zweck entstören kann, abbringen kann vom Bösen, ist ihm recht, ist „gerechtfertigt“, um es mit den Worten Luthers zu sagen. „Ich vergebe dir“, sagt Jesus zu der Frau. Es ist die Sprache Gottes, die er spricht. Es ist die Amnestie Gottes, die er bringt. „Ich vergebe dir“, sagt er auch zu uns. „Ich vergebe dir“, sagt er auch zu den Menschen, denen, wenn’s nach uns ginge, nicht vergeben würde.

Voraussetzung der Vergebung ist immer die Reue, Grund der Vergebung ist immer die neue Chance, und das Ausmaß der Vergebung sollte man immer am Ausmaß der Dankbarkeit erkennen.

 

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24.6.2007

IM GLÜCK DER LIEBE
Zum 800. Geburtstag der hl. Elisabeth von Thüringen
Teil I

2Kor 10,3-5a; 11,1-3  /  Joh 15,9-15

Vier Jahre alt war Elisabeth, als sie auf die Wartburg kam, abgeholt in Pressburg von Rittern ihres zukünftigen Schwiegervaters, des Landgrafen von Thüringen. Wie in den Fürstenhäusern üblich, war sie aus dynastischen Gründen schon als kleines Kind verlobt worden. Thüringen, sagte sich König Andreas von Ungarn, wird für meine Tochter keine schlechte Partie sein. Seine Schwägerin in Schlesien, sein Schwager in Bamberg, und nun die Verbindung nach Thüringen: da entstehen Bande, die nicht weniger wert sind als wechselseitige Aktienanteile großer Konzerne zu unseren Zeiten.

Thüringen war schließlich nicht irgendein Land. Die Wartburg war der Treffpunkt von Minnesängern und Troubadouren, eine Art Kulturhochburg in Deutschland. Dort war, was für uns Bayreuth ist oder Cannes. Dort wurden die Sängerwettstreite ausgetragen und das, was wir die Oscars nennen würden, vergeben. Dort fanden die großen Events statt, bei denen, wer etwas gelten wollte, nicht fehlen durfte.

Elisabeth, das aufgeweckte, hübsche kleine Kind mit südländischem Teint und südländischem Temperament, sollte auf der Wartburg zusammen mit ihrem zukünftigen Mann in die Rolle hineinwachsen, die sie einmal zu spielen haben würde. Elisabeth war leicht zu haben, fiel aber in einem Punkt auf. Und das war ihre Religiosität. (1)

Näherhin war es eine tiefe Gottinnigkeit, wie wir sie bei Kindern gelegentlich beobachten können. Für Elisabeth war Gott, als ob er sichtbar wäre, zugegen, neben ihr, bei ihr, so unmittelbar wie die Kinder, mit denen sie spielte. Und so kann sie nach ein, zwei Runden im Galoppreiten, ihrem Lieblingssport, sagen: „Die anderen Runden will ich Gott zuliebe nicht mitmachen“; sie zieht sich zurück, zieht sich zu Ihm zurück, um mit Ihm zu reden.

Sie will auch partout das kleine Krönchen nicht aufsetzen, mit dem sie als künftige Landgräfin beim Gottesdienst in der Schlosskapelle zu sitzen hat. Vor dem dornengekrönten Christus am Kreuz ist ihr das Krönchen aus Gold und Edelstein peinlich. Die Schwiegermutter gibt kopfschüttelnd nach.

Hätte Elisabeth mit ihrer charismatischen Gottesminne nicht Nonne werden sollen? Nein, das stand für sie nie zur Debatte. Dazu war sie nicht berufen. Mit leidenschaftlicher Liebe hing sie an ihrem Ludwig. 14 Jahre alt war sie, als sie ihn heiraten durfte. Ihre Ehe war ein fortwährendes Liebesspiel und erfüllte sie mit unbeschreiblichem Glück.

Gattenliebe und Gottesliebe kamen einander nicht in die Quere. Ludwig fühlte sich nicht versetzt, wenn seine Frau des Nachts zwischendurch aufstand und neben dem Bett zu beten anfing; er nahm ihre Hand in die seine, während sie betete. Elisabeth wusste sich in Liebe gehalten von ihrem Mann und in beider Liebe zueinander gehalten von Gott. Es ist eine einzige große Liebe, die ständig auf zwei Manualen spielt.

Als Ludwig zum Kreuzzug aufbrach, ritt sie zwei Tagesreisen weit mit ihm, um den Schmerz der Trennung zu verringern. Vielleicht ahnte sie auch, dass sie Ludwig nie mehr in den Armen halten würde. Die Nachricht von seinem Tod trifft sie ins Herz. Sie rast durch die Wartburg und schreit: „Tot, tot soll mir nun alle Freude und Ehre dieser Welt sein.“

Bei Christus weinte sie sich aus. Mehr und mehr geht sie dazu über, seine Welt zu ihrer zu machen.  Geistigerweise ist sie aus der Wartburg ausgezogen, bevor sie sie körperlich verlässt. Immer fester werden ihre Schritte in der radikalen Nachfolge Christi. Ganz ihm gleichförmig werden, ganz sich an ihn anlehnen, ganz in ihm aufgehen will sie, und sie findet eine Seligkeit darin, ganz für ihn da zu sein.

Darin war sie Franziskus seelenverwandt, ihrem Zeitgenossen, ihrem Vorbild, ihrem fernen und doch ganz nahen Lehrmeister. Sehr früh war sie mit Franziskanern in Berührung gekommen, hatte ihnen in Eisenach ein Kloster einrichten lassen und war die erste Jüngerin des großen Franziskus in Deutschland geworden.

Mit ihm machte sie sich dem armen Christus gleich. Wie Franziskus verzichtete sie auf Besitz, Wohlleben und Macht. Das Leben auf der Wartburg war ihr zur Fessel geworden, der sie sich leichten Herzens entledigte. Die Regentschaft für ihren kleinen Sohn mussten ihr ihre Schwäger nach Ludwigs Tod nicht entreißen, sie entsagte nur gar zu gern, und sie entsagte ganz und für immer. Andere erstritten für sie ein Witwengut, und was machte sie? Sie erbaute damit in Marburg ein Hospital und verzehrte sich dort in der Krankenpflege.

Wir sind betroffen, wie wenig von der menschlichen Größe dieser großen Liebenden auf die Jetztzeit gekommen ist. Wo ist Liebe eine solche Lebenserfüllerin wie bei Elisabeth, die Sinnstifterin des Daseins, die Leidenschaft, die allem Würze und Kraft gibt, was zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Gott geschieht? Es ist viel Kümmerlichkeit in den Herzen und wenig Vertrauen darin, dass Hingabe glücklich macht. Schauen wir uns die Raffzähne an, die nicht genug kriegen können, und daneben Elisabeth, die nicht nur alles hätte haben können, sondern alles gehabt hat, und sich nichts daraus machte! Schauen wir uns selber an, die Ansprüche, die immer größer werden, das Haben, das immer wichtiger wird als das Sein. Wäre es nicht erstrebenswert, wieder Freiheit vom ständigen Kreisen um Besitzstandswahrung und Mehrung von Geld und Geltung zu gewinnen und Hand in Hand damit die Gewissheit, dass Lieben und Geliebtwerden mehr Zufriedenheit und die Freude an Gott mehr Kraft gibt als alles andere?

 

(1) Zum Folgenden: Justin Lang, „Die schnelle Botin“ in GuL 54 (1981) 431-440.

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1.7.2007 - IM DIENST DER LIEBE

Zum 800. Geburtstag der hl. Elisabeth von Thüringen Teil II

1 Joh 3,14-18 / Mk 10,42-45

Es ist üblich, dass Präsidenten, gekrönte Häupter und vornehme Herrschaften sich von Zeit zu Zeit zum Volk neigen. Dann steigen sie aus ihrem Fahrzeug, huldvoll wie Königin Elisabeth von England es tut, die Namensschwester der heiligen Elisabeth, sie lächeln dem winkenden Volk zu oder gehen wie im Wahlkampf die Politiker in die Betriebe, in die Kliniken und Garnisonen und fragen, wo den gemeinen Mann der Schuh drückt.

Hätte Elisabeth von Thüringen es genauso gemacht, würde niemand etwas Unpassendes daran gefunden haben. Denn auch im Hochmittelalter gab es landesmütterliche Repräsentationspflichten für Regentinnen und First Ladies. Von Fürstinnen wurde durchaus erwartet, dass sie nicht nur unter Ihresgleichen verkehrten, sondern Nähe zum Volk bekundeten. Es gab eine Art Arbeitsteilung: der Fürst war für das harte Geschäft zuständig, das Militär, die Wirtschaft, das Recht, die Fürstin für Politik light, für das Soziale, für das, was heute Petitionsausschüsse, Wohlfahrtseinrichtungen und diakonische Werke machen. Das gehörte sich so, und wer die Fürsorgepflichten ernst nahm, galt als gute First Lady und gute Monarchin.

Nicht dass Elisabeth von der Wartburg aus nach dem Rechten schaute, war das Besondere an ihr. Nicht einmal, dass sie das leidenschaftlich und aus tiefster Überzeugung tat. Ihr Rollenverständnis  als Landesmutter war zwar weit überdurchschnittlich entwickelt, aber das Besondere lag viel tiefer. Am Rosenwunder wird es sichtbar.

Warum war es denn Elisabeth gar nicht recht, dass sie ihrem Mann begegnete, als sie wieder einmal mit einem Brotkorb am Arm aus der Wartburg ging? Dass Brot aus dem Haus getragen wurde, wusste Ludwig. Dass es seine Frau ein bisschen übertrieb damit, ein bisschen sehr sogar übertrieb damit, duldete er, wenn er´s schon nicht guthieß; er liebte seine Frau viel zu sehr, als dass er sich quergelegt hätte. Aber dass sie selber Lebensmittel verteilte, selber Kranke pflegte, selber an Sterbebetten wachte: das ging zu weit.

Fürstinnen schicken das Brot durch ihr Gesinde, Fürstinnen stiften ein Krankenhaus und lassen darin pflegen. Aber sie  ziehen doch nicht selber Betten ab, sie putzen und füttern doch nicht selber! Elisabeth kann sich doch ein Pferd nehmen, sie ist doch eine glänzende Reiterin, sie kann sich die Satteltaschen voll stopfen mit Brot und Laken und kann´s den Armen hinunterreichen. Was muss sie sich denn die Hände schmutzig machen, was muss sie denn persönlich Hungernde speisen und Aussätzige verbinden!

Nach Ludwigs frühem Tod lag für Elisabeth kein Sinn mehr im Leben auf der Wartburg. Den Thron hatte ihr Schwager eingenommen, der noch nie Verständnis für sie gehabt hatte. Heiratsangebote, selbst des Kaisers, schlug sie aus. Unter Ihresgleichen wollte sie nicht mehr sein; Ihresgleichen waren jetzt die Armen. So viele Tränen sie ihrem Mann nachgeweint hatte, der Wartburg weinte sie keine Träne nach. Sie ging aus der ihr fremd gewordenen Umgebung in die ihr vertraut und lieb gewordene Umgebung: zu den Armen. Mit nichts außer dem, was sie auf dem Leib trug, war sie aus der Wartburg entschwunden. Die Kinder hatte man von ihr getrennt, um sie ihrem Einfluss zu entziehen. Irgendwelche armen Leute nahmen Elisabeth auf.

Wir wissen nichts Näheres. Wir wissen nur, dass ihr nach einiger Zeit ihr Witwengut zugestanden wurde, dass sie dieses Witwengut umgehend veräußerte, um in Marburg ein Spital zu bauen, und dass sie dann dort bei den Kranken lebte und sie pflegte.

Das Besondere liegt in diesem „Selber“. Darin ist uns Elisabeth Vorbild. Sie lebte, wie geschrieben steht: „ Wer unter euch groß sein will, der soll euer Diener sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“

Man könnte die Christlichkeit einer Gesellschaft daran messen, wie viele Menschen sich nicht zu schade sind, sich zu bücken. Der Trend geht weg vom elisabethanischen „Selber“. Wir lassen   Dreck aufheben. Wir lassen Kranke pflegen. Wir lassen Sterbende begleiten. Es gibt, entgegen dem Trend, aber auch junge Leute, die ein freiwilliges soziales Jahr bei ausgemusterten und nutzlos gewordenen Menschen machen. Gewiss kann nicht jeder Erwachsene seinen Beruf aufgeben, um seine pflegebedürftig gewordenen Eltern selber zu versorgen. Aber warum werden dann in unserer Gesellschaft Krankenschwestern und Altenpfleger so schlecht bezahlt?

In der Tat muss man sich bücken, rein körperlich schon erniedrigen, wenn man auch nur etwas Hinuntergefallenes aufheben will. Ein elisabethanischer Mensch  vergibt sich nichts, wenn er das tut. Ein anderer ist sich zu schade dafür. Wer nicht vom hohen Ross herunterkommt, wird immer über das Elend in der Welt hinweg reiten.

 

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8.7.2007 - IM BLICK DER LIEBE

Zum 800. Geburtstag der hl. Elisabeth von Thüringen

Apg 2,42-47 / Lk 6,43-46

Elisabeth von Thüringen lebte im Zeitalter des Feudalismus, und die Wartburg war ein besonders krasses Beispiel hochfeudaler Lebensverhältnisse. Die Landgrafen von Thüringen saugten ihre Untertanen nach Strich und Faden aus, die Verelendung der Bevölkerung interessierte sie erst dann, wenn nichts mehr aus ihr herauszuholen war.

Wir wissen, wie sehr Elisabeth darunter gelitten hat und wie sehr ihre Wohltätigkeit ausgelöst war von dem unguten Gefühl, eine Nutznießerin ungerechter Verhältnisse zu sein. Wir ahnen, wie schlimm es ist, aus diesem System zwar ausbrechen, aber es nicht ändern zu können. Unserer Zeit wird einmal der Vorwurf gemacht werden, dem Tanz um’s Goldene Kalb verfallen zu sein, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klaffen zu lassen. Die einen sind morgens, bevor sie überhaupt aufstehen, schon wieder fünf- oder sechsstellig reicher, die anderen kriegen für einen 8-Stunden-Arbeitstag kaum das Existenzminimum. Und wir erleben wie Elisabeth unsere Ohnmacht; das System aushebeln können wir nicht, wir können uns ihm nicht einmal richtig entziehen.

Nun genügt es uns Christen aber nicht, bloß unter den Zwängen zu leiden und über den Kapitalismus zu klagen, diese Hydra, der für jeden Kopf, der ihr abgeschlagen wird, zwei neue Köpfe nachwachsen. Wir dürfen uns auch nicht damit hinausreden, dass uns nichts anderes übrig geblieben sei als mitzumachen und wir dabei wenigstens ein schlechtes Gewissen gehabt hätten. Elisabeth hat immerhin das Unrechtssystem ihrer Tage für ihr Land gemildert, und sie ist persönlich aus ihm ausgebrochen.  Selbst wenn wir nicht in vergleichbarer Stellung sind und auch vor radikalem Besitzverzicht zurückschrecken, sehen wir Kopierbares; Elisabeth macht uns Mut, die Dinge nicht einfach treiben zu lassen, sondern das Mögliche zu tun, und das ist nicht nichts.

Erstens können wir die öffentliche Meinung mit dem Grundsatz der christlichen Soziallehre „Eigentum ist sozialpflichtig“ bearbeiten. Damit ständig in den Ohren zu liegen, ist an sich nicht nur ein Kann, sondern ein Muss. Denn das gehört zur Verkündigung des Evangeliums. Wer hat, der soll teilen mit dem, der nicht hat: egal, wo man die Bibel aufschlägt, sobald sie auf’s Eigentum zu sprechen kommt, heißt es unmissverständlich, dass Eigentum verpflichtet.

Deshalb drängen wir auf Steuergerechtigkeit und wehren uns nicht, wenn unser eigenes Vermögen entsprechend zu versteuern ist. Wir versagen uns die Steuerflucht, verlangen aber ein Steuerrecht, wie die USA es haben: das Einkommen, ganz gleich, wo in der Welt es erzielt wird, muss im Land des Einnehmenden versteuert werden. Wir fordern die Steuerpflichtigkeit des internationalen mobilen Kapitals, der Billionen, die täglich um den Globus geschoben werden.

So weit sind wir gesunken, dass sich die Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen öffentlich damit brüsten, wie sehr sie die Rendite für die Aktionäre durch den Abbau von Arbeitsplätzen gesteigert haben. Es ist gut biblisch,  das Großkapital zu diskreditieren, seine Methoden an den Pranger zu stellen und Millionen-Abfindungen für Manager, die ihre Unternehmen der Konkurrenz überlassen, als das zu bezeichnen, was sie sind: Diebstahl. Solcher öffentlicher Druck ist nicht unwirksam: Die Deutsche Bank ist nicht das erste Unternehmen und wird nicht das letzte Unternehmen sein, das zurückrudert, weil der Imageverlust geschäftsschädigender ist als die Wertsteigerung der  Aktien gewinnbringend.

Auf die Wartburg wurden wagenweise Naturalien gebracht, die Elisabeth immerhin körbeweise wieder hinaustrug. Auch wir können – das wäre ein Zweites – über die Bearbeitung der öffentlichen Meinung hinaus aktiv werden und den Raubkapitalismus wenigstens partiell unterlaufen. Landgraf Ludwig wusste wohl,  dass seine Frau sich und ihrem Gesinde Fasten verordnete, wenn wieder einmal den Bauern mehr als die Schuldigkeit abgepresst worden war. Und er wusste auch, dass seine Frau die Vorratskammern ständig plünderte,  um Armenspeisung zu betreiben.

Unser Staat duldet ebenfalls, dass das Weltwirtschaftssystem, wenn schon nicht durch ihn selbst, so doch durch gezielte Gruppeninitiativen Obstruktion erfährt. Denken wir ja nicht gering von Aktionen wie „Misereor“!  So funktioniert ein ständiger Abfluss von Geld und know-how in die Armutsregionen der Welt. Der Staat verzichtet darauf, Spenden zu besteuern und leitet sogar einen Teil seiner Entwicklungshilfe über die Kirchen in die Dritte Welt, weil nur deren Entwicklungshilfe nicht in den Taschen der Reichen landet.

Ist es nicht außerdem gelungen, am Rande des Haifischbeckens kleine „Freihandelszonen“ zu errichten? Genossenschaften einheimischer Bauern zu gründen, die ihre Produkte außerhalb der Konzerne vermarkten, zu fairen Preisen, zu Preisen, von denen sie leben können, ohne sich als Plantagenarbeiter versklaven lassen zu müssen? Verachten wir die Möglichkeit nicht, durch den Kauf solcher Waren gegen den Strom zu schwimmen!

Schließlich ist da noch ein Drittes, das wir Elisabeth abschauen könnten und uns tatsächlich immer schon ein Anliegen sein lassen: das ist die persönliche Hilfe von Mensch zu Mensch. Wir müssten schon sehr krank oder sehr arm sein, wenn wir da keinen Spielraum mehr hätten! Elisabeth hat eben nicht nur gespendet, nicht nur Mittel bereit gestellt, nicht nur ein Spital gebaut, sie hat vielmehr selber Kranke gebettet und gefüttert und war sich für keinen Dienst zu schade.

Da sind auch wir in unserem Element. Wie viele von uns lassen keinen Tag vergehen ohne kleine Hilfeleistungen im Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft! Wir haben wenig reiche Leute in unseren Reihen, aber viele, die mit einem Blick der Liebe Not wahrnehmen und die Bedürftigen beschenken mit ihrer Zeit, ihrem Rat, ihrer Tat. Je mehr sich alles um’s Geld dreht, desto stolzer dürfen wir auf das sein, was selbstlos aus elisabethanischer Gesinnung in die Welt gesetzt wird und nachdenklich macht, ob nicht doch Geben seliger ist als Nehmen.

 

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15.7.2007 - 15. Sonntag C

DIE CHRISTENHEIT ALS BARMHERZIGER SAMARITAN

Lk 10,25-37

Die Nächstenliebe ist ein weites Feld. Sie ist Gott sei Dank kein weißer Fleck, sondern das Herz auf dem rechten Fleck der Christenheit. Auch wenn wir Christen dieses weite Feld nicht für uns alleine haben wollen und andere Weltanschauungen dort nicht dulden, sondern im Gegenteil begrüßen, gibt es doch keine Weltanschauung, für die mit der Nächstenliebe die Religion selber steht und fällt wie für das Christentum.

Evangelien wie das heutige haben eine gewaltige Wirkung gehabt. Was hat die junge Kirche bereits zu etwas ganz Besonderem gemacht? Es war die bis dato einmalige Verknüpfung von Glauben und Handeln. In der Verbindung von Gottesverehrung und Lebensweise hat die Kirche von Anfang an alle religiöse Konkurrenz übertroffen. Kult und Praxis zusammen gebracht hat erst das Christentum, Gottesliebe und Nächstenliebe zu zwei Seiten einer einzigen Medaille gemacht hat erst die Kirche.

Am Morgen des Christentums, in der Spätantike, gehörten Barmherzigkeit und Demut nicht zu den Tugenden. Gewaltverzicht und Feindesliebe waren unvorstellbar. Das alte Rom war höchst verwundert, als da plötzlich Menschen waren, die handelten wie der barmherzige Samariter; Zuwendung zu Menschen, die einen nichts angingen, war ein absolutes Novum.

Tätige Nächstenliebe ist das Herz- und Handwerk der  Christenheit geblieben. Sie ist auch in unseren Tagen das Markenzeichen der Kirche. Als caritative Dienstleisterin wird sie am ehesten respektiert. Wie viel von dem, was heute durch Sozialgesetze geregelt ist, auf die Kirche zurückgeht, dürfte allerdings den wenigsten Zeitgenossen bekannt sein. Krankenbe-treuung, Rechtsschutz für Witwen und Waisen, Armenfürsorge bis hin zur Berufsausbildung elternloser Jugendlicher sind in den frühchristlichen Gemeinden entstanden, entwickelt und teilweise schon institutionalisiert worden.

Gewiss gab es Hilfeleistungen auch in der nichtchristlichen Antike. Bettler haben Almosen erhalten, Katastrophenopfer wurden bedacht, Gastfreundschaft war selbstverständlich. Aber die Nothilfe ging nicht über den Familien- und Freundeskreis hinaus, und wenn der Staat Nothilfe leistete, dann tat er es aus Sicherheitsgründen: um Unruhen zu vermeiden. Darin eine Verpflichtung zu sehen, darin den Prüfstein der Religiosität zu sehen, war dem Heidentum fremd. Mit Opfern für die Götter war alles getan, was man schuldig war. Die Gleichstellung der Nächstenliebe mit der Gottesliebe war etwas spezifisch Christliches.

Wer versorgte einst einen Kranken, wenn er nicht von seiner Familie betreut werden konnte? Die Antwort: niemand. Krankenhäuser und Hospize gab es nicht. Es gab nur Lazarette für Soldaten und Spitäler für Sklaven – bezeichnend: gepflegt wurde nur zur Wiederherstellung der Wehrkraft und der Arbeitskraft. Für uneigennützige Hilfe fehlte die weltanschauliche Basis. Die Pflege von Menschen, die zu nichts mehr gut sind, ist erst mit dem Christentum gekommen.


 

Kurze Zeit, nachdem die Christen Religionsfreiheit erhalten hatten, versuchte Kaiser Julian, das Staatsschiff noch einmal in Richtung Heidentum umzusteuern und zu diesem Zweck der alten Staatsreligion eine soziale Komponente zu geben. In einem Brief von ihm heißt es: „Die Christen füttern außer ihren eigenen auch noch unsere Armen durch. Gerade diese Dinge haben das meiste zur Verbreitung des  Christentums beigetragen: Barmherzigkeit gegen die Fremden, Sorge für die Bestattung der Toten und die Ehrbarkeit ihrer Lebensführung.“ Also wollte Kaiser Julian den Tempelkult mit Armenfürsorge kombinieren, wie die christlichen Kirchen zugleich Caritasstellen waren. Es funktionierte nicht; die Tempelpriester verweigerten jegliche Samariterdienste, für derlei da zu sein, ging nicht in ihre Köpfe. Ambrosius, der Bischof von Mailand, spottete seinerzeit: „Sollen doch die Heiden einmal sagen, wie viele Gefangene die Tempel freigekauft haben, wie viele Lebensmittel sie unter die Armen verteilt haben, wie vielen Flüchtlingen sie Unterhalt gewährt haben.“

Samariterdienste sind bis auf den heutigen Tag etwas typisch Christliches geblieben. Wir sind stolz darauf, dass sich der Sozialstaat aus christlichen Vorgaben und Vorbildern entwickelt hat. Und wo er nicht hinreicht, fühlen wir uns nach wie vor verpflichtet zu schauen, was wir machen können. „Geh hin und handle genauso!“, sagt Jesus zum Schluss seines Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Er soll es nicht umsonst gesagt haben. Von denen, die vor uns Christen waren, wollen wir uns im Samaritertum beflügeln lassen. (1)

 

(1) Vgl. zum Ganzen: Ernst Dassmann, Christliche Innovationen am Beginn der Kirchengeschichte, in StdZ 217 (1999) 435-446.

 

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