|
29.4.2007
4. Sonntag der Osterzeit C
Joh 10, 27-30
In diesem kurzen Evangelium sind drei Aussagen bemerkens- und erwägenswert.
Der Satz „Meine Schafe hören auf meine Stimme“ ist zunächst einmal eine einfache Feststellung. Jeder Hirte weiß, dass die Schafe ihn an der Stimme erkennen.
Es geht uns ähnlich: wenn uns ein guter Bekannter anruft, braucht er seinen Namen gar nicht zu nennen, wir erkennen ihn an der Stimme. Schon das Baby erkennt die Stimme der Mutter. Schwerkranke werden auf einmal
ruhig, wenn sie den Klang einer vertrauten Stimme hören.
Aber nicht um die Treffsicherheit geht es, mit der wir eine Stimme zuordnen, sondern darum, dass wir auf vertraute Stimmen anders reagieren als auf fremde, ja dass wir sogar auf vertraute Stimmen nur dann positiv
reagieren, wenn wir die Erfahrung gemacht haben, dass sie es gut mit uns meinen. Wir erraten viele Stimmen, denen wir nicht folgen, und wir folgen ihnen nicht, weil sie nicht unser Vertrauen haben.
Christen folgen Christus, weil er vertrauenswürdig ist. Er ist kein Rattenfänger, er ist kein Schwätzer, er will nichts mit mir verdienen. Weil ich ihm vertrauen kann, folge ich ihm, wenn er mir etwas sagt.
Dazu muss er mir keine Privatoffenbarung machen, nicht nachts im Traum erscheinen. Ich muss ihn auch nicht befragen, wie man ein Orakel befragt. Er ist wie ein inneres Leitsystem. Die Heilige Schrift ist sozusagen
der Datenbestand des Leitsystems. Wer mit Christus auf vertrautem Fuß lebt, dem kommt automatisch, was er in diesem und jenem Fall sagen würde. Vielleicht ist besser noch als der Vergleich mit einem Leitsystem der
Hinweis auf die steuernde Wirkung von Vorbildern. „Meine Mutter hat da immer dies und das gesagt“, kommt uns dann, und das wirkt erkenntnis- und handlungsleitend.
So viel zur ersten Aussage des heutigen Evangeliums. Die zweite hat es noch mehr in sich.
„Ich und der Vater sind eins“, sagt Jesus. Deswegen sind zu seinen irdischen Lebzeiten Steine auf ihn geworfen worden. Deswegen ist er letztlich getötet worden.
Über diesen Satz ärgern sich auch viele unserer Zeitgenossen. Sie streichen diesen Satz aus der Bibel, sie finden ihn anmaßend oder intolerant. Zurück bleibt ein unverbindlicher Jesus. Wenn es nicht Gott ist, der
aus ihm spricht, muss ich mir von ihm letztlich auch nichts sagen lassen.
Erst dann hebt sich die Stimme Jesu aus den Stimmen der vielen Berater, die mich beraten in Steuerfragen, in Lebensfragen, in Beziehungs- und Orientierungsfragen – erst dann hebt sich die Stimme Jesu heraus, wenn
er Gott von Gott ist. Sonst verbleibt alles auf der Ebene der Fachleute, irgendwo zwischen Weltweisen, Sachverständigen und Spezialisten und auch Kräuterweiblein, Gurus und Idolen. Verbleibt er aber als
Programmanbieter einer unter anderen, ist er eben nicht mein Hirt. Mein Hirt ist der, von dem ich mich führen lasse, der für mich die Autorität ist.
Nun noch zum Dritten, was wir im heutigen Evangelium von Jesus gewissermaßen schriftlich haben. „Ich gebe ihnen ewiges Leben“, sagt Jesus. Diejenigen bekommen ewiges Leben, die sich von ihm führen lassen. Was
aber meint ewiges Leben? Ewigkeit ist nicht die Fortdauer der Zeit, sondern das Ende der Zeit. Die Zeit geht in der Ewigkeit nicht weiter. Nur, wo es Zeit gibt, kann aber etwas vergehen. Ewiges Leben muss also
unvergängliches Leben sein, weil Ewigkeit die Abwesenheit von Zeit ist.
Anders ausgedrückt: in den Augenblicken, in denen wir vor lauter Glück ohne alles Gefühl für Zeit, ohne alle Wahrnehmung von Zeit sind, haben wir einen Vorgeschmack von Ewigkeit. „Dem Glücklichen schlägt
keine Stunde“, sagt das Sprichwort. Was uns am ewigen Leben eigentlich interessiert, ist ein Zustand, jener Zustand, der den Stundenschlag außer Kraft setzt.
Das ist es, wohin Jesus führt. Wer also ewiges Leben mit Leben nach dem Tod gleichsetzt, hat nur die halbe Wahrheit erkannt. Denn es geht nicht um eine Quantität von Leben, sondern um eine Qualität von Leben.
Leben nach dem Tod gibt es auch schon vor dem Tod, genauso wie es Tod nach dem Leben auch schon im Leben gibt.
Der Hirt, den Gott uns in Gestalt Jesu Christi geschickt hat, will uns generell aus allem, was Tod ist, heraus- und in alles, was Leben ist, hineinführen. Auf seiner Weide gibt es nichts Todhaltiges, nur Mittel, die
Leben aufbauen, voller Antistoffe gegen den Tod, die unablässig den Tod in seinen vielen Formen, ob sie Resignation oder Egoismus oder sonst wie heißen, aufheben. Eine Seelenweide diesseits und jenseits des
physischen Todes ist unser Bedürfnis und sein Führungsziel.
Reif für das ewige Leben sind wir also nicht erst im Grab; auf die Weide des ewigen Lebens führt der wahre Hirt uns jeden Tag! Definitiv und infinitiv besitzen werden wir dieses Leben dann, wenn auch der physische
Tod hinter uns liegt und wir dem Tod keine Angriffsflächen mehr bieten.
Als PDF downloaden
zurück
6.5.2007
5. Sonntag der Osterzeit C
WAS IST DARAN SO HERRLICH?
Joh 13,31-33.36; 14,1-4
„Herrlich, dass es jetzt so weit ist!“, sagt Jesus im Abendmahlsaal. Kann man sein Wort von der Herrlichkeit anders denn als Jubel verstehen? Überspielt er, was auf ihn zukommt? Judas ist bereits hinausgegangen.
Jesus ahnt, was Judas vorhat. Er wird den Aufenthaltsort Jesu verraten, damit man Jesus, ohne Aufsehen zu erregen, festnehmen kann. Warum empört sich Jesus nicht über Judas? Was soll denn herrlich sein an dem, was
Jesus blüht? Wir hätten nicht gesagt: „Herrlich, dass es jetzt so weit ist!“, wir hätten gesagt: „Entsetzlich, dass es so weit kommen musste!“ Wir hätten wohl auch überlegt, wie wir schnell, schnell
noch aus Jerusalem verschwinden könnten. Jesus aber geht in den Garten Gethsemani, genau dorthin, wo Judas ihn vermuten würde. Was hat das mit Herrlichkeit zu tun?
Es hat mit Herrlichkeit zu tun! Jetzt kann Jesus den Beweis liefern, dass wahre Liebe nie klein beigibt und nie zuschanden wird. Jetzt zeigt sich, dass die Macht der Welt sich am Vollstrecker des Willens Gottes die
Zähne ausbeißt; sie kann umbringen, aber nicht herumbringen. Jetzt wird die Probe aufs Exempel gemacht. Wenn Jesus zeigt, dass er durchhält, und sei es auch auf Kosten seines Lebens, dann ist er am Ziel: dann
wird sein Werk durch seinen Tod besiegelt und nicht beseitigt, und dann wird sein Opfergang zum göttlichen Triumph über den Verführer der Welt. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes
aber ist die Schuld“, heißt es bei Schiller – ist auch der Zusammenhang in der „Braut von Messina“ ein anderer, das Wort selbst würde in den Abendmahlsaal passen.
Größer heraus als der Opportunist kommt immer der Märtyrer. Die Hochachtung der Nachwelt gilt immer denen, die widerstanden haben bis auf’s Blut, nicht den Versagern und nicht den Mördern. Selbst diejenigen,
die das Leben herzugeben für dumm halten, empfinden scheue Ehrfurcht vor denen, die das fertig bringen.
Jesus freilich meint mit Verherrlichung nicht den Ruhm der Nachwelt. Er ist sich sicher, dass Gott ihn verherrlicht. Wenn Einer sich nicht lumpen lässt, dann ist es Gott. Gott wird ihn in seine Herrlichkeit
aufnehmen und damit auch sich selbst verherrlichen. Denn das Ziel wird dann erreicht sein durch die Voll- und Ganz-Hingabe des Sohnes, der sich vor den Wagen wirft, um den Lauf der Welt umzudrehen, vom Weg-von Gott
zum Hin-zu Gott. Dieser Kraftakt des Sohnes ist der Beanspruchung nach vergleichbar mit dem Kraftakt einer Mutter, die, zum Opfer bereit, in eine Operation hineingeht, in der nur entweder ihr Leben oder das Leben
ihres Kindes gerettet werden kann. Wie es der Mutter zur höchsten Ehre gereicht, wenn sie sich opfert, so gereicht es Gott zur höchsten Ehre, wenn man von ihm, wie es im Exultet der Osternacht heißt, sagen kann:
„Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin“.
„Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen“, bescheidet Jesus die Apostel, „zumindest jetzt könnt ihr mir nicht folgen“, fügt er hinzu. Sie sind noch nicht so weit, dass sie mit ihm ins Martyrium
gehen. Petrus wird Jesus in wenigen Stunden einer einfachen Magd gegenüber verleugnen; Jesus sieht es kommen. Deshalb für jetzt Absage an die Satelliten. Später, wenn sie wieder auf Kurs sind, sieht’s anders
aus. Das bedeutet: grundsätzlich ja, aber im Moment noch nicht.
Und gleich darauf, wie zur Bestätigung, das Wohnungsangebot: „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir
holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“
Herrlichkeit also für alle! Woraus man schließen kann, dass das Wohnungsangebot nicht nur den Aposteln gilt? Eben daraus, dass es den Aposteln gemacht wurde! Denn die Zwölf sind die Stammväter des Gottesvolkes
aus allen Völkern, Stämmen und Nationen, das herrlichen Zeiten entgegengeht. Die Leiden dieser Zeit sind nichts im Vergleich mit der Herrlichkeit, die uns bevorsteht. Wenn das, was Jesus durchzumachen hatte, kein
Vorentscheid gegen, sondern ein Vorentscheid für die Verherrlichung war, dann ist auch das, was wir durchzumachen haben, kein Vorentscheid gegen, sondern ein Vorentscheid für die Verherrlichung.
Als PDF downloaden
zurück
13.5.2007
MARIA, WIR BEWUNDERN DICH
Diesen Sonntag halten wir es mit den Lesungen aus der Heiligen Schrift und mit der Predigt ein bisschen anders als sonst. Heute ist der Muttertag. Von den Bibelstellen, an denen Maria vorkommt, seien drei
ausgewählt, die mit der Mutterschaft Marias zu tun haben. Drei Ereignisse aus dem Leben Marias greifen wir heraus, zu denen wir werden sagen müssen: Maria, wir bewundern dich. Alle drei werfen etwas ab für uns
und geben uns Wegweisung für entsprechende Situationen in unserem eigenen Leben.
Unsere erste Bibelstelle ist Mt 1,18-20.
Maria war ihrem Bräutigam Josef fest versprochen. Wie soll sie ihm begreiflich machen, dass sie ein Kind erwartet, das nicht von ihm ist? Es herrschen strenge Sitten in Israel. Eine Frau, die von einem anderen Mann
als ihrem eigenen ein Kind bekommt, wird gesteinigt. Josef braucht Maria nur anzuzeigen. Dennoch hat Maria Gott die Zusage gegeben, ihm zur Verfügung zu stehen.
Gott wiederum war es offensichtlich wichtig, dass Maria bewusst Ja zu seinem Vorhaben sagt. Sie wurde von ihm nicht vor vollendete Tatsachen gestellt. Aus freien Stücken hat sie sich ihm in die Hand gegeben und ist
damit dem ahnungslosen Josef gegenüber und ganz Nazareth gegenüber in den Verdacht einer unehelichen Mutterschaft geraten.
Bei Josef hat Gott nachgeholfen. Gott hat ihm das allerhöchste Ansinnen zu verstehen gegeben, das er an Maria gestellt hatte. Josef nahm Maria zu sich und akzeptierte das Kind, als ob es sein eigenes wäre. Damit
hat er Maria gerettet.
Maria, ich bewundere dich! Dass du das auf dich genommen hast!
Du warst dir des Risikos bewusst, dass du verkannt werden würdest
von Josef und von den Mitmenschen, dass dein Leben in Gefahr
war. Wie nahe lag die Schande, wie nahe der Tod! Du musst ein
sehr tiefes Gottvertrauen haben! Wir kneifen oft schon, wenn Gott
weit weniger heikle Ansinnen an uns stellt. Hilf uns einzuwilligen
in das, was Gott mit uns vorhat, und uns nicht zu genieren vor dem,
was die Leute dazu sagen.
Zwölf Jahre später. Maria in einer Lage, in der wir mehr als vor den Kopf gestoßen wären. Bei Lk 2,41-51 steht, mit was Maria da fertig werden musste.
Er hätte doch wenigstens sagen können, was er vorhat, wird Maria gedacht haben. Lässt uns mit den anderen Pilgern heimwärts ziehen und bleibt einfach bei den Schriftgelehrten im Tempel zurück!
Dieses unerklärliche Versetztwerden durch Jesus ist eine herbe Prüfung für die Mutter. Wo bleibt die Rücksichtnahme Jesu? Dabei hat sie seinetwegen so viel auf sich genommen. Traut man ihr denn nicht zu, dass sie
zurückstehen kann, wenn Gott Jesus beansprucht?
Heutigen Eltern fallen da jugendliche Ausreißer ein; sie wissen, wie das ist, wenn ein Kind nächtelang ausbleibt. Die Sorge, dass Jesus streunen gegangen sein könnte, wird Maria nicht gehabt haben. Aber die Frage
quält sie, was hinter dem Verhalten steckt, warum er ihr das antut und sie behandelt, als gehöre er ihr gar nicht.
Sie muss damit fertig werden, dass sie auf Jesus allem nach kein Anrecht hat. Es hat sie bestimmt nicht wenig gekostet zu verkraften, so gut wie entmündigt zu werden und von jedem weiteren Verfügen über das eigene
Kind Abstand zu nehmen.
Maria, ich muss dich bewundern! Ich hätte mich schön bedankt
für eine solche Abfuhr! Du bist weder gereizt noch erbittert
gewesen, und dies nicht, weil dir das alles nichts ausgemacht
hätte. Du hast das, was dir mit dem Zwölfjährigen passiert ist,
in deinem Herzen solange erwogen, bis du eingesehen hattest:
Ich muss ganz zurücktreten hinter der Bindung meines Kindes
an seinen himmlischen Vater.
Weitere zwanzig Jahre später. Wir sehen Maria auf Golgotha, wie sie zu ihrem Sohn hinaufschaut, der unschuldig elend am Kreuz sterben muss. An ihn denkt sie und nicht an das, was jetzt aus ihr werden soll. Und dann
dies, was wir bei Joh 19,25-27 lesen.
Maria ist nicht von der Seite ihres Sohnes gewichen. Sie ist bei ihm geblieben, als alles ihn verließ. Und Jesus hat sich vom Kreuz herab an sie gewandt, hat sie Johannes anempfohlen und ihr Johannes anempfohlen.
Wir ahnen, dass das mehr bedeutet als nur eine Versorgungs-maßnahme für eine alleinstehende Frau, die damals weder Rente noch Recht hatte. Johannes steht für die Jüngerschaft, für die Kirche. Die Kirche sollte
in Maria ihre Mutter haben, Maria in den Jüngern ihre Söhne und Töchter.
Maria, wir bewundern dich, wir verehren dich, bewundern
deine unverbrüchliche Treue, verehren dich als unsere geistliche
Mutter. Gott hat dich auserwählt, dein Sohn uns dich als Mutter
gegeben. Bei dir können wir uns ausweinen, bei dir können wir
Trost suchen. Das wird uns zum Heil gereichen. Amen.
Als PDF downloaden
zurück
|